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1. Hilfe

 

Ihr habt erfahren, dass Euer Kind sterben wird oder bereits gestorben ist. Eine absolute Ausnahmesituation. Es tut mir sehr leid, dass Ihr das gerade erlebt.

 

Vielleicht könnt Ihr gerade gar keinen klaren Gedanken fassen und nicht begreifen, was da alles gesagt wurde. Das ist okay und normal! Ich möchte Euch hier ein paar erste Hinweise und Hilfestellungen an die Hand geben, die Euch hoffentlich rechtzeitig erreichen und unterstützen.

 

  • Ihr habt ZEIT!!!
     
  • Sollte es aus medizinischer Sicht nicht zwingend notwendig sein, das Baby JETZT zur Welt zu bringen, nehmt Euch etwas Zeit zu Hause. Der erste Impuls ist ein Fluchtimpuls. Viele Frauen (und auch Männer) können den Gedanken, ein krankes oder totes Kind in sich zu tragen nicht aushalten und möchten daher sofort einen Kaiserschnitt. Das ist völlig normal und eine natürliche Reaktion. BITTE nehmt Euch ein paar Tage Zeit. Diese Tage können sehr wertvoll sein. Ihr könnt das, was gerade passiert, etwas sacken lassen, eine Zweitmeinung einholen und beginnen zu verstehen und überlegen, wie es für Euch weiter gehen soll.
    Sollte keine Gefahr für Dich als Mama bestehen, ist es Dein Recht nach Hause zu gehen. Ich möchte Dir ans Herz legen, das zu nutzen.

 

  • Was braucht IHR jetzt? Ihr seid jetzt wichtig. Ihr und Euer Baby. Wenn es für Euch wichtig ist, Freunde und Familie als Beistand dazu zu holen, tut das. Wenn Ihr für Euch sein wollt, um in Ruhe zu sein und miteinander in den Austausch gehen zu können, macht es so. Versucht zu spüren, was für Euch jetzt dran ist und fordert Euch gegebenenfalls Rückzugsmöglichkeiten ein.

 

  • Überlegt, was Ihr Euch für Euer Baby wünscht, wenn es in den nächsten Tagen geboren wird. Habt Ihr bereits eine Kuscheldecke oder etwas zum Anziehen? Selbst wenn die Sachen noch zu groß sind, könnt Ihr es darin einwickeln. Vielleicht möchtet Ihr ihm noch ein Schmusetier, ein Foto oder einen Brief mitgeben?

 

  • Wie stellt Ihr Euch die Geburt vor? Sollte keine medizinische Indikation gegeben sein, wird in der Klinik kein Kaiserschnitt durchgeführt werden, weil das Risiko und die Belastung für den Körper größer sind, als bei einer natürlichen Geburt. Für den späteren Prozess der Verarbeitung ist ebenfalls eine natürliche Geburt empfehlenswert. Ihr könnt, besonders Du als Mama, auf allen Ebenen verstehen und realisieren, dass Euer Kind geboren ist und nicht lebt. Im Anschluss kommt man schneller wieder auf die Beine als nach einem Kaiserschnitt und kann so früher nach Hause entlassen werden.

 

  • Möchtet Ihr, dass Eure Hebamme die Geburt begleitet? Wünscht Ihr Euch eine spezielle Musik? Sprecht mit dem Klinikpersonal, damit der Rahmen für Euch so angenehm und erträglich wie irgendwie möglich sein kann.

 

  • Überlegt Euch, wie ihr zum Thema Geburtsschmerz steht. Es besteht die Möglichkeit, z. B. eine Periduralanästhesie durchzuführen oder schmerzlindernde Medikamente einzunehmen. Einige Mütter möchten ganz klar keinerlei Schmerzen unter einer stillen Geburt erleben. Andere entscheiden sich bewusst gegen Medikamente. Es gibt Alternativen, wie Geburtshypnose oder natürliche schmerzlindernde Methoden und Mittel.

 

  • Wie eine stille Geburt verlaufen kann, könnt Ihr in diesem Blog lesen.

 

  • Ähnlich ist es mit dem Milcheinschuss. Je nach Schwangerschaftswoche schüttet der Körper unter der Geburt Hormone aus, die den Milcheinschuss auslösen können. Einige Frauen entscheiden sich für Medikamente, die das unterdrücken. Andere Frauen entscheiden sich dafür, diesen natürlichen Ablauf nicht zu unterbrechen, um den Milcheinschuss und das natürliche Versiegen der Milchbildung zu erleben. Sprecht das Klinikpersonal oder Eure Hebamme für weitere Informationen an, damit Ihr eine Entscheidung treffen könnt, die für Euch gut ist.

 

  • Scheut Euch nicht, Euer Kind kennenzulernen. Der Anblick wird Euch nicht verstören. Ja, er wird schmerzen. Und doch werdet Ihr Euer Kind mit liebenden Augen sehen und schön finden. Sollte Euer Baby Fehlbildungen haben, bittet die Hebamme, die Stelle entweder mit einem Tuch zu bedecken oder Euch euer Kind vorab zu beschreiben, wenn sich das besser für euch anfühlt. Ich möchte Euch von Herzen ermutigen diesen Schritt zu machen, er wird Euch in eurem Trauerprozess tragen. Auch später werdet Ihr dankbar sein, Euer Baby kennengelernt zu haben.

 

  • Habt ihr Eurem Kind bereits einen Namen gegeben? Falls nicht, findet ihr vielleicht trotz allem jetzt einen Moment zum Innehalten. Welcher Name kommt Euch in den Sinn, wenn Ihr an Euer Baby denkt? Solltet Ihr das Geschlecht Eures Kindes noch nicht kennen, könntet Ihr sowohl einen Jungen- als auch einen Mädchennamen bereithalten. Oder Ihr entscheidet euch für einen Unisex – also für beider Geschlechter passenden – Namen.
     

  • Sammelt ERINNERUNGEN. Wenn Euer Baby geboren wird, habt Ihr nur eine begrenzte gemeinsame Zeit zur Verfügung. Es ist sinnvoll, sich Erinnerungen an sein Kind zu schaffen. Nehmt Euch ganz viel KUSCHELZEIT. Diese Zeit steht Euch zu, bittet gegebenenfalls um ein separates Zimmer. Lernt Euer Baby kennen, schaut und fasst es an. Vielleicht möchtet Ihr Fotos oder Videos von Euch und Eurem Baby machen. Vielleicht möchtet Ihr es waschen und anziehen. Vielleicht einen Hand- oder Fußabdruck machen. Wenn möglich vielleicht sogar vorher noch einen Gipsabdruck vom Bauch? Eine Locke, ein Krankenhausarmband – was auch immer für Euch passt, nutzt diese Möglichkeit und lasst Euch dabei gegebenenfalls auch unterstützen.
    Ein paar meiner eigenen Eindrücke zum Thema Erinnerungen gibt es in diesem Blog

 

  • Wenn Ihr möchtet, habt Ihr nach der Geburt das Recht, Euer Baby für eine gewisse Zeit mit nach Hause zu nehmen. Der Zeitraum variiert je nach Bundesland. In den meisten Bundesländern sind es 36 Stunden ab dem Zeitpunkt der Geburt. In Brandenburg und Sachsen sind es 24 und in Thüringen 48 Stunden. Einige Eltern wünschen sich diese Zeit, um ihr Kind den Geschwistern, der Familie und Freuden vorzustellen und etwas gemeinsame Zeit außerhalb des Krankenhauses zu verbringen und es in diesem Rahmen zu verabschieden. Das Krankenhauspersonal, die Hebamme und der Bestatter können Euch dabei beraten und unterstützen.
    Das Kennenlernen Eures Kindes ist für Familie und Freunde natürlich auch im Krankenhaus möglich.

 

  • Ich möchte Euch ermutigen, auch Geschwister in diesen Prozess des Kennenlernens und Verabschiedens miteinzubeziehen. Es ist so wertvoll und wichtig für Euer Kind, die Schwester oder den Bruder kennenzulernen. Dieses Kind gehört zu Eurer Familie und wird seinen Platz haben und so erleben es auch Eure bereits bei Euch lebenden Kinder. Wenn sie das Baby sehen und etwas Zeit mit ihm verbringen, können auch die ganz kleinen leichter verstehen und verarbeiten, was gerade um sie herum passiert.

 

  • „Was passiert mit meinem Baby?“ Gerade in einem frühen Stadium der Schwangerschaft haben Eltern oft große Sorge, was mit dem Körper ihres Kindes passiert. Es gibt gedankliche Horrorszenarien davon, dass die kleinen Körper in den Krankenhausmüll kommen. Das ist heute nicht mehr so. Ihr habt zum einen das Recht, Euer Baby individuell bestatten zu lassen. Außerdem bieten viele Kliniken sogenannte Sternenkinderbestattungen an. Selbst, wenn Ihr Euer Kind zu einem sehr frühen Zeitpunkt verlieren solltet und es noch keiner Bestattungspflicht unterliegt, habt Ihr die Möglichkeit, Euch Euer kleines "Zellbündel" aushändigen zu lassen, um es zu begraben. Besprecht solche Gedanken mit eurer Hebamme und rechtzeitig mit dem Klinikpersonal.
    Weitere Informationen zum Thema Bestattung bekommt Ihr zeitnah mit einem Blogeintrag.

 

  • Manchmal ist die Zeit nach einer Geburt mit dem stillgeborenen Kind begrenzt, weil eine Kürettage (Ausschabung der Gebärmutter) erforderlich ist. Sprecht mit dem Krankenhauspersonal, wie lange mit diesem Eingriff gewartet werden kann und ob Ihr Euer Baby danach wieder zu Euch nehmen könnt. Vielleicht kann es in der Zeit der Operation auch beim Vater verbleiben. So hat auch er die Möglichkeit, intensiv Zeit mit seinem Kind zu verbringen.

 

  • Nach der Geburt werdet Ihr vermutlich wieder nach Hause entlassen werden. Auch wenn Euer Kind gestorben ist, habt Ihr einen Anspruch auf eine Wochenbettbetreuung durch eine Hebamme. Bitte nehmt dieses Angebot wahr. Sie kann Euren Gesundheitszustand im Blick behalten und Euch Übungen zur Rückbildung zeigen. Auch seelisch ist es gut, einen Ansprechpartner zu haben. Vielleicht gibt es in Eurer Stadt sogar einen Rückbildungskurs für verwaiste Mütter?

 

  • Sagt, was Ihr braucht und Euch wünscht. Viele Menschen in Eurem Umfeld werden mit der Situation überfordert und dadurch unbeholfen sein. Einige sind vielleicht so verunsichert, dass sie lieber nichts sagen, eh es das Falsche ist. Bestimmt möchten viele von ihnen für Euch da sein, es irgendwie erträglicher für Euch machen. Sagt ihnen, was Ihr braucht und was Ihr Euch vorstellt. Das kann von Gesprächen, über die Betreuung des Geschwisterkindes bis zur Erledigung des Einkaufs oder das Kochen des Essens reichen. Nur wenn Ihr sagt, was Euch unterstützen würde, kann Euer Umfeld aktiv werden und Euch wenigstens ein bisschen entlasten.

 

  • Passt auf einander auf. Jeder Mensch verfügt über andere Fähigkeiten, mit Krisen zurechtzukommen. Statistisch gesehen trennen sich 80 Prozent der Paare, die ein gemeinsames Kind verloren haben. Dafür gibt es Ursachen. So trauern Frauen und Männer zum Beispiel unterschiedlich. Gut ist es, einander im Blick zu behalten und Verständnis füreinander zu bewahren. Wenn Ihr merkt, dass es einem von Euch anhaltend schlecht geht, sucht Euch bitte Unterstützung. Das kann über Gespräche mit Therapeuten, Trauerbegleitern oder Ärzten sein oder auch durch die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe. Ihr seid nicht allein!

    Sollte es ganz akut nicht aushaltbar für Euch sein zu warten, bis eine dieser Optionen verfügbar ist, könnt Ihr die Nummer 0800-111 0 111 wählen. Bei der Telefonseelsorge ist rund um die Uhr kostenfrei und anonym jemand für Euch ansprechbar.

 

Ich wünsche Euch von Herzen alles Gute, ganz viel Kraft und Mut für Euren weiteren Weg.

 

Alles Liebe
Betty